Verein iranischer Professoren, Akademiker und Studierender e.V.

Der Verein iranischer Professoren, Akademiker und Studierende e.V.  (ViPASD)  wurde 2009 gegründet. Seit 2015 leitet die Sozialpädagogin Nushin Rawanmehr den Verein. Parallel zur Stärkung der iranischen Gemeinde will der Verein den kulturellen und gesellschaftlichen Austausch zwischen Iranern und Deutschen fördern. Als akkreditierte Hochschulgruppe legt er dabei den Fokus auf das universitäre Umfeld, um hier in beratender und aufklärender Funktion Akademiker zu begleiten.

Was ist Ihrem Verein besonders wichtig?

In erster Linie soll ein kulturelles Miteinander von Iranern und Deutschen ermöglicht werden. Ich möchte, dass Integration erarbeitet wird. Dabei handelt es sich nicht um eine Einbahnstraße, da wir beispielsweise Angebote gestalten und dann auch andere Kulturkreise auf uns aufmerksam werden.

Erzählen Sie uns von Ihrem schönstem Vereinserlebnis!

Als ich meine Arbeit begann, haben wir ein Treffen an der Universität veranstaltet. Wir haben die neuen iranischen Studenten eingeladen, die frisch eingereist waren. Da kamen ganz viele, die sich dort zum ersten Mal getroffen haben und total begeistert waren, dass es so einen Verein gibt. Man braucht sich dann nicht so alleine fühlen, kann miteinander quatschen, hat Gemeinschaft.

Was erwarten Sie von einer Kooperation mit dem MORGEN Netzwerk?

Hauptsächlich erwarte ich Netzwerkarbeit, damit  ein Austausch untereinander stattfindet, so dass man voneinander lernt. Vielleicht entstehen so auch Schnittstellen oder man kann Veranstaltungen gemeinsam auf die Beine stellen. Wir haben natürlich auch den Wunsch, dass wir bekannter werden, wir als Ansprechpartner gelistet sind und Suchende uns so finden.

Kann Ihr Verein Flüchtlingen helfen?

Flüchtlingsarbeit mit iranischen Studenten ist aufgrund der sprachlichen Ressource und der Bildungsressource, die sie mitbringen, sehr wichtig. Denn es gibt die afghanische Community oder andere Flüchtlinge, die auch persisch sprechen. Viele kommen aus dem Iran und viele flüchten in doppelter Weise: zuerst aus ihrem eigenen Land, beispielsweise  aus Afghanistan in den Iran, und dann aus dem Iran nach Deutschland. Hauptsächlich kann man sprachlich helfen, denn es werden viele Übersetzer gebraucht. Die Studenten müssen zumindest englisch können, wenn sie nach Deutschland kommen und Persisch können sie sowieso.

Worin erklärt sich diese doppelte Flucht?

Im Iran geht es den Flüchtlingen ein bisschen besser als in ihrem eigenen Land. Dort können sie ein wenig arbeiten, aber der Iran erlaubt beispielswiese nicht, dass Afghanen zur Schule gehen oder am öffentlichen Leben teilnehmen können. Das gilt aber auch für andere Religionsgemeinschaften, etwa die Bahai.

Kann man im Iran von einer Zweiklassengesellschaft sprechen?

Ja. Teile der Bevölkerung leben ähnlich wie wir hier in Deutschland, aber ein Großteil ist sehr arm. Wir wollen für beide Gruppen Ansprechpartner sein – ohne Ausnahme. An sich leben die Menschen im Iran ganz gut zusammen, aber das diktatorische Regime im Iran toleriert das nicht und schränkt deren Leben sehr stark ein.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist hauptsächlich das, was mir tatsächlich in meiner Erinnerung als Kind oder Grundschulkind noch geblieben ist. Und ich glaube, weil ich hauptsächlich gute Erinnerungen habe, wollte ich bislang auch nicht das Risiko eingehen zurückzukehren. Um dann dort Dinge zu sehen, die mich vielleicht stören würden oder Dinge, die diese Erinnerung kaputt machen könnten – weil da was Negatives dazukommen könnte.

Sie wollen für sich also den Heimatgedanken, den Sie so lange gehütet haben, nicht zerstören?

Genau. Man kann natürlich in den Iran reisen, mit so einem ganz bestimmten Blick, der darauf fokussiert ist, irgendwie nur das Schöne zu sehen. Das machen Verwandte von mir auch, die bleiben dann nur bei Angehörigen oder gehen in Touristenorte, um eben das Schöne zu sehen. Aber ich als Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin werde da immer mit einem ganz anderen Blick hingehen.

Von den hier lebenden Iranern haben mehr als 50 Prozent einen Bachelorabschluss. Jeder vierte arbeite in einem Vertrauensberuf, wie beispielsweise Polizist oder Arzt. Warum verlassen so viele gebildete Menschen den Iran?

Es liegt hauptsächlich daran, dass dort Arbeitsplätze fehlen, aber auch daran, dass die jeweilige Arbeitssituation keine Sicherheit bietet. Bekommt eine Firma Geldprobleme, kommt es schnell mal vor, dass man monatelang kein Geld hat – trotz Bildung und viel Arbeit. Deshalb haben die Leute dort auch mehrere Jobs parallel laufen: Falls eine Firma nicht mehr zahlungsfähig ist, sind die anderen Jobs vielleicht nicht betroffen.

Wie geht es den iranischen Akademikern in Deutschland?

Bildungsmigranten haben besonders großen Druck, sich hier zu etablieren. Das Problem ist: Sie wissen einfach nicht über ihre Rechte Bescheid. Ich hatte Freunde, die für Firmen oder die für die Universität gearbeitet hatten und dort gemobbt und benachteiligt wurden. Sie kannten ihre Rechte und die ganzen Studienberatungsstellen überhaupt nicht oder kamen damit nicht klar. Die Mitarbeiter dort haben meiner Meinung nach nicht die Sensibilität zu bemerken, dass gerade Menschen aus dem islamischen Kulturkreis leider ganz oft nachteilig behandelt werden.

Das scheint durch Pegida und Co. ja wieder salonfähig zu werden. Ich denke hier an das Stichwort Islambashing.

Ja genau. Es gilt jetzt Diversität reinzubringen. Nur weil im Pass steht, dass man Schiit ist, heißt das ja nicht, dass man ein Fundi oder IS-Kämpfer ist. Aber die meisten Leute haben falsche Informationen. Ich selber wurde schon auf einer Veranstaltung gefragt: Wie ist das mit der Religion? Ist das was ganz Normales für dich, unverschleiert herumzulaufen?

Im Iran wurden vor kurzem Models von einer Sonderkommission wegen unislamischer Taten verhaftet: Sie hatten Fotos ohne Kopftuch gepostet. Bisher wurden solche Fotos geduldet. Handelt es sich hier um einen symbolischen Akt für das eigene Volk?

Nachdem in letzter Zeit die Rede von der Lockerung der Sanktionen war oder davon, dass sie sogar wegfallen könnten, sind solche Aktionen dafür gedacht, noch einmal die Härte dieser Regierung zum Ausdruck zu bringen. Ich glaube, das ist aber auch ein Teil dieser Willkür, verdeckt können die Leute da so einiges machen.Bei vielen Sachen, die für mich mittlerweile selbstverständlich sind, gilt: Wenn ich die im Iran dann nicht auf dem Schirm habe und dann mit so einer krassen Willkür festgehalten werde: Ich kenne dort kein Recht mich zu verteidigen. Dann bin ich dem Ganzen ausgeliefert.

Siehst du in solchen Aktionen eine Gefahr für die aktuelle politische Position des Irans? Ich denke an das Stichwort Atomverhandlungen.

Nein. Ich glaube, es geht hier hauptsächlich nur darum, wirtschaftlich miteinander zu kooperieren. Das finde ich sehr traurig, wenn da dann nicht auch sozialpolitisch miteinander umgegangen wird. Allen Parteien ist das auch total klar, dass da Menschenrechte nicht funktionieren. Wenn andere Staaten mit dem Iran kooperieren, dann stellt sowas auch einen Verantwortungsaspekt – den es zu beachten gilt – dar.

Deutschland hat mit ungefähr 64.000 Iranern – Schätzungen gehen sogar von bis zu 120.000 aus – die meisten iranischstämmigen Personen in Europa. Warum ist Deutschland so attraktiv?

Die meisten sind Bildungsmigranten und lassen sich in den MINT-Fächern ausbilden. Also in Informatik, Physik oder Medizin. Viele sind aber auch vor oder während der Revolution nach Deutschland gezogen, weil Deutschland nicht nur eine gute berufliche Perspektive, sondern auch langfristige politische Sicherheit bot. Aber es gibt sicherlich auch viel Familiennachzug. Meine Tante hatte hier schon gewohnt und als die Entscheidung fiel, wo wir hinwollen,  war klar: Wir haben jemanden in Köln, also ziehen wir nach Deutschland. Damit wir nicht ganz alleine sind.

Habt Ihr euch Gedanken zu einer Kooperation mit anderen iranischen Vereinen gemacht?

Ja, es ist zwar bisher noch keine gemeinsame Arbeit entstanden, aber ich stehe schon im Austausch mit dem Bustan Club und einem anderen Verein. Aber die haben einfach andere Zielgruppen. Meine Ziele und Themen sind eher so soziale Geschichten, wie meine Arbeit, und das machen die Vereine nicht.

Wo sehen Sie sich mit Ihrem Verein in fünf Jahren?

Ich wünsche mir, dass wir in fünf Jahren in Deutschland bekannter sind.

Satzung des Vereins iranischer Professoren, Akademiker und Studierende in Deutschland (VIPASD e.V.)

Kontakt
Verein iranischer Professoren, Studierender und Akademiker
Frau Nuschin Rawanmehr
E-Mail: nuschin.rawanmehr@gmail.com